Als „Peinlichkeitsforscherin“ habe ich es nicht leicht. Nach 5 Minuten im heutigen Webinar keimen bereits Fluchtgedanken in mir auf. In etwa so, wie wenn du als Agoraphobiker in der überfüllten Straßenbahn sitzt und panisch alles in dir „Nix wie weg hier“ schreit. Da muss ich jetzt wohl durch.

 

Es geht los, pünktlich auf die Minute. Ich befinde mich in einem Webinar, in dem ich geheimnisvolle Geheimnisse über die eBook-Vermarktung auf amazon enthüllt bekommen soll. Als erfahrene „Parade der Marketing-Peinlichkeiten“-Sammlerin kenne ich mich aus.

Vorab hatte der referierende Herr die Veranstaltung mit Pauken und Trompeten angekündigt. Damit mir das Wasser im Munde zusammenläuft und ich meine Mailadresse zur Anmeldung hergebe. Alles natürlich kostenfrei, haha. Eine Kaffeefahrt kostet auch nichts, bis am Ende, naja, Sie wissen schon.

Als Erstes werden die Webinar-Teilnehmer begrüßt und der Herr stellt sich vor. Huch, was ist hier los? Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich einen Menschen so schnell reden hören. Eine Maschinenpistolen-artige Salve an Worten ergießt sich über mich, ohne Punkt und Komma. In dem Moment kommt zufällig mein Mann ins Büro und schaut mich entsetzt an. „Mach das bitte aus, das hält doch kein Mensch aus!“, ist sein erster Kommentar. Da sieht man mal, was eine Peinlichkeitsforscherin wie ich alles ertragen muss. Natürlich schaue ich weiter, obwohl bereits nach 5 Minuten starke Flucht-Tendenzen in mir aufkeimen. In etwa so, wie wenn du als Agoraphobiker in der überfüllten Straßenbahn sitzt und panisch alles in dir „Nix wie weg hier“ schreit.

 

Durchhalten!

„Uli, halte durch“, versuche ich mich selbst zu motivieren. „Lass uns hier weg, ich kann dem Typen nicht mehr folgen“, hält mein Hirn dagegen. Bis es plötzlich bei einer Äußerung hellwach wird: „Könnt ihr mich alle überhaupt gut hören?“, unterbricht der Veranstalter kurzzeitig seine Salve. Ach so, er meint die Übertragungstechnik, nicht seinen Redeschwall. „Monika schreibt eben im Chat, alles in Ordnung, sie hört mich gut. Susanne schreibt auch, dass sie mich laut und deutlich versteht. Prima“, kommentiert er weiter.

Ah ja! Lustig ist er also auch noch. Veranstaltet ein komplett vom Band abgespultes, automatisiertes Webinar, bei dem er gar nicht anwesend ist. Tut jedoch so, als sei er live mitten unter uns. Was für ein Scherzkeks.

 

Rührselige Geschichte – mit moralisch fragwürdigem Happyend

In Minute 30 erzählt er von seinem ehemals erbärmlichen Leben. Was für ein armer, armer Mensch er früher gewesen wäre. Kaum Texterjobs gehabt, daher Aufträge für 1 Cent pro Wort angenommen. In allen Einzelheiten malt er aus, wie genau sich das anfühlt, wenn man für 1 Cent pro Wort texten muss. Schuften von früh bis in die Nacht und trotzdem reicht das Geld hinten und vorne nicht. Bis er dann auf eine geniale Idee kam.

Potzblitz, wie genial ist das denn: Heute lässt er lieber andere für 1 Cent pro Wort eBooks schreiben. Er betont, dass es in Portal xy zuhauf arme Menschen gäbe, die dringend Geld brauchen. Warum sich selbst wochenlang damit abmühen, wenn man Menschen wie diese für einen Hungerlohn dafür ausnützen kann? Pah, wäre man ja schön blöd, erklärt er sinngemäß.

Bisher musste ich mir seine Salve in ein- und derselben Tonlage anhören. Jetzt, wo es um Geld und die Gewinne geht, blüht er richtig auf und es kehrt spürbar Leben in seine Worte ein. „Macht für ein eBook gerade mal nur knappe hundert Euro Produktionskosten. Für so wenig Kohle ein eBook erstellen, bedeutet sehr viel Kohle an Gewinn.“ Nebenbei zeigt er uns allen als Beweis seine Abrechnung. Ich kann seine Augen dabei förmlich leuchten sehen.

 

Das Geheimnis wird gelüftet

Damit sind wir endlich am wichtigsten Geheimnis dieses Marketing-Tricks angekommen. Wir müssen alle aufpassen, das wäre jetzt echt wichtig: Auf diese Weise unbedingt Dutzende, ach was, Hunderte von eBooks produzieren. Eines oder zwei reichen nicht. Danach mit den billigst produzierten Ramsch-Dingern amazon überschwemmen, als gäbe es kein Morgen mehr. Wegen der Rendite, die wird erst dann so richtig saftig wie bei ihm. Schnell noch mal die Abrechnung vorzeigen, von der ich überhaupt nicht beurteilen kann, woher sie stammt oder mit wie viel Photoshop man die manipulierte. Ein toller Beweis.

Er holt zum finalen Schuss aus. Der trifft mich hart. Och ne, nicht schon wieder: Es gibt ein paar andere Geheimnisse, die ich wissen muss. Sonst kann ich das mit der fetten Rendite vergessen. Wäre aber alles gar kein Problem, denn dafür gibt es ja ihn. Damit sind wir wohl am Ende der Kaffeefahrt angekommen.

Er breitet seine Angebote aus. Wie immer relativ schwachsinnig und überteuert. Das soll natürlich niemand merken, daher folgt die gewohnte Prozedur: statt 1500 Euro heute nur für 700 Euro. Mit Gratis-Bonus 1, Gratis-Bonus 2 … Tschuldigung, dass ich bei Gratis-Bonus 4 abschalten musste. Das war dann doch ein bissel viel für mein Hirn und mich.

Frage zum Ende: Wie finden Sie so was?

Newsletter