Ich teste die Recruiting-Moral von Unternehmen in deren Bewerbungs-Prozess. „Äh, welche Moral?“ Gute Frage! Ich jedenfalls kann sie bei meinem Experiment nicht finden. Also greife ich zu einer kecken (kommunikativen) Gegenmaßnahme.

 

„Liebes Unternehmen Müller-Mayer, auf deiner Karriereseite steht, dass du Talente suchst. Was für ein Zufall, dass ich eines bin. Das wollte ich dir gerne mitteilen. Als Frau der Baureihe 68 bin ich ohne digitalen Schnickschnack groß geworden, da Herr Digital das erst relativ spät erfunden hat. E-Mails schreiben und lesen beherrsche ich dennoch aus dem Eff-eff. Weil ich das so gut kann, würde ich dir gerne schreiben. Ich darf aber nicht, denn du hast was viel Digitaleres erfunden …

Es nennt sich Bewerberportal, das dir mein Bewerbungs-Schreiben per Mail vom Hals halten soll. Bitte sei nicht böse, wenn ich dir jetzt sage, dass dein Portal ziemlich unintelligent ist. Ich kann mich leider nicht entscheiden, welches Häkchen ich nehmen soll. Keines davon passt so recht, was an den Ecken und Kanten liegt. Talente haben die immer. Deswegen sind sie ja Talente. Als offizieller Talente-Sucher solltest du das eigentlich wissen. Ich erinnere dich vorsichtshalber noch mal daran, denn wir zwei haben jetzt ein echtes Problem: Du wirst nie von meinem Talent erfahren. Wegen dem unintelligenten Portal und weil du meine Mail nicht haben willst. Denn dort, ja dort könnte ich mein Talent so richtig ausbreiten. Da es viel Platz und Gestaltungsspielraum bietet für meine Ecken und Kanten, die einfach nicht in diese doofen Kästchen passen wollen. Das macht mich traurig, denn es bedeutet Abschied. Tschüss liebe Müller-Mayers, es hätte so schön werden können mit uns.“

Nächster Versuch:

„Liebes Unternehmen Schmidtchen-Schleicher, wie ich mit Hurra und Freuden feststelle, darf ich dir mailen. Ich bin so glücklich, denn Unternehmen Müller-Mayer ist strikt gegen diese Mails. Zumindest, wenn sie von Bewerbern kommen. Kunden wiederum dürfen immer mailen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Da ist das Unternehmen sogar ganz aus dem Häuschen. Liegt daran, dass die meistens Geld dort lassen im Gegensatz zu mir. Ich will ja welches. Ups, jetzt habe ich mich verplappert. Okay, dann ist es nun raus. Ich will von dir leider auch Geld. Im Gegenzug kriegst du mein Talent, und das ist ehrlich gesagt unbezahlbar. Kurzum: Voilà, du hast mich gesucht, hier bin ich.“


Vier Wochen später:

„Liebes Unternehmen Schmidtchen-Schleicher, ich bin entrüstet, und das liegt an dir. Ich weiß nicht, wie das bei dir früher war. Meine Mutti jedenfalls hat mir beigebracht, dass man artig Antwort gibt, wenn ich von jemand was gefragt oder angesprochen werde. Wo kämen wir da hin, wenn jeder nur noch rumschweigt. Das Knöpfchen ist oben links. Manchmal auch rechts. Auf das musst du drücken. Manchmal steht „Senden“ drauf und schon ist deine Mail retoure bei mir. Dauert keine zwei Sekunden plus drei Minuten, die ja wohl ausreichen müssten zum Verfassen einer minimalen Antwort. Wenn dir schon 3,02 Minuten zu viel Mühe sind, gibt mir das wirklich zu denken. In dem Fall will ich mein Talent nicht bei dir lassen. Adieu.“

Der Selbstversuch

Ich versende 42 Bewerbungen an Unternehmen mittlerer Größe ­– als externe Freelance-Mitarbeiterin. 35 Mal keinerlei Antwort. Also gar keine! Nicht mal die schnarchnasigen Standardabsagen. Und das, wo alle mit großem Tamtam auf ihre gelebten Werte hinweisen. Kann man auf jeder Webseite im Über mich Text bzw. der Über uns Seite lesen. Leeres Blabla, sonst nix. Also drehe ich den Spieß einfach um, suche mir einige Stellenangebote heraus. Statt einer Bewerbung schicke ich nun diese freche Absage an die Damen und Herren Personaler:

 

Hallo Frau Wosinddennbloßdiewerte,

ich lese in eurer Stellenanzeige, dass ihr gute Leute sucht. Leider muss ich euch eine Absage erteilen. Wegen des topmodernen Arbeitsplatzes. Dieses Geschenk kann ich wirklich nicht annehmen, zumal mein eigenes Gerät mit dem Apfel echt teuer war. Habe ich extra in sehr groß gekauft, weil ich ja dauernd da reingucken muss. Nebenbei werfe ich manchmal auch einen Blick aus dem Fenster und sehe viele Bäume. Auf einem sitzt regelmäßig eine Taube. Die macht fast so viel Lärm wie die Autos in der Heilbronner City. Nur anders. Dann rufe ich flugs auf Schwäbisch ‚Hallo Täuble, au scho wach?‘ raus. Danach ist sie sofort still und lauscht meiner Stimme.

Wenn ich indes an den Verkehr bei euch mitten in Heilbronn denke oder an die Parkplatzsuche, mache ich mir ein bissel Sorgen. All diese Probleme kenne ich in meinem Homeoffice auf dem Dorf nicht. Ich stehe niemals im Stau und brauche morgens allenfalls 10 Sekunden vom Schlafzimmer in Richtung Büro. Es sei denn, ich begegne im Flur meinem Mann, der mal wieder seine Schlüssel sucht. Dann dauert’s länger.

Daher muss ich die ausgeschriebene Stelle absagen. Es tut mir leid, keine positivere Mitteilung übermitteln zu können und wünsche euch für die Zukunft alles Gute.

Viele Grüße Ulrike Parthen

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